Begegnungen mit dem Leben – Bernhard Krause als Hospizbegleiter
Bernhard Krause sitzt ruhig, wenn er erzählt. Keine großen Gesten, keine dramatischen Pausen. Der Dachauer Mitte 40 wählt seine Worte mit Bedacht – genau so, wie er auch seinen Begleitungen begegnet: aufmerksam, präsent, ohne Eile.
Dabei war der Weg zur Hospizarbeit kein gerader. Krause war beruflich unterwegs in einer Welt, die vor allem eines zählt: Ergebnisse. Zahlen, Systeme, Strukturen. Irgendwann, in einer Phase, in der vieles auf dem Prüfstand stand, spürte er, dass ihm etwas fehlte. Nicht Erfolg. Bedeutung.
Der Funke, der alles veränderte
Es war ein Gespräch, das er nicht mehr vergessen hat. Ein griechischer Gastwirt erzählte ihm von seinem Engagement im Kinderhospiz – von der Begegnung mit Menschen in ihrer zerbrechlichsten Lebensphase. Krause hörte zu. Und etwas in ihm verschob sich.
Lange schob er den Gedanken beiseite. Keine Zeit, sagte er sich. Zu viel los. Doch als sich die Gelegenheit ergab, wusste er: Jetzt. Er meldete sich beim Elisabeth-Hospizverein Dachau an, absolvierte die Ausbildung – und blieb. Seit vier Jahren begleitet er nun Sterbende ehrenamtlich.
Was ihn hält, ist schwer in Worte zu fassen. Aber er versucht es trotzdem: „In der Nähe des Todes tritt das Wesentliche hervor. Man begegnet Menschen ohne Masken – in ihrer reinsten Form."
Männer in der Hospizarbeit: eine Seltenheit
Beim Elisabeth-Hospizverein Dachau engagieren sich rund 65 Ehrenamtliche. Nur vier davon sind Männer. Krause ist einer von ihnen – und er weiß, dass das kein Zufall ist.
Die Gründe dafür sieht er in tief verwurzelten Erwartungen: Männer sollen funktionieren, liefern, führen. Fürsorge hingegen gilt gesellschaftlich noch immer als weiblich kodiert, als etwas, das nicht zur männlichen Sozialisation gehört. „Care-Arbeit ist aber universell menschlich", sagt Krause. Kein Geschlecht hat ein Monopol auf Mitgefühl.
Dabei bringt jeder Mensch – ob Mann oder Frau – seine eigene Art mit. Krause beschreibt es vorsichtig: Manche Begleiteten fühlen sich leichter, wenn ein Mann im Raum ist. Nicht weil Frauen das nicht könnten – sondern weil Vertrautheit manchmal etwas mit Ähnlichkeit zu tun hat. Mit dem Gefühl: Der versteht, wie ich die Welt gesehen habe.
Nicht wegschauen, sondern dasein
Was viele abhält, ist nach Krauses Beobachtung vor allem eines: Unsicherheit. Die Angst, das Falsche zu sagen. Nicht zu wissen, wie man sich verhält, wenn jemand weint oder schweigt oder stirbt. „Viele haben nie gelernt, sich emotional einzubringen", sagt er. „Das fühlt sich an wie ein Sprung ins Unbekannte."
Er selbst hat diesen Sprung gewagt – und keine Sekunde bereut. Was ihm geholfen hat, war die Gemeinschaft. Schon in der Ausbildung spürte er: Hier ist er nicht allein. Das Team des Elisabeth-Hospizvereins, die Einsatzleitung, die anderen Begleitenden – sie alle tragen gemeinsam, was einzeln zu schwer wäre.
Krause nimmt auch an regelmäßigen Supervisionen teil, hört viel Musik. Er hat gelernt, sich selbst nicht zu vergessen – eine Erkenntnis, die er für genauso wichtig hält wie alles andere in dieser Arbeit.
Was bleibt
Manchmal, wenn ein Mensch stirbt, den er begleitet hat, ist Krause traurig. Das sagt er offen. Doch Trauer und Erfüllung schließen sich nicht aus – das hat er in vier Jahren Hospizarbeit verstanden.
Was ihn wirklich bewegt, sind die kleinen Momente. Ein Lachen, das sich trotzdem noch findet. Ein Gespräch, das ehrlicher ist als alles, was man sonst so führt. Das Gefühl, wirklich da gewesen zu sein – für einen Menschen, der genau das gebraucht hat.
Bernhard Krause hat in dieser Arbeit etwas gefunden, wonach er gesucht hatte, ohne es benennen zu können. Nicht Erfolg. Nicht Anerkennung. Sondern das, was übrigbleibt, wenn man alles andere weglässt.